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Ich bin also keine Agentur. In der Regel vermittelt eine Agentur zwischen dem Auftraggeber und dem sachkundigen Übersetzer/Lektor, der den Auftrag ausführt. Wenn Sie zu einer Agentur gehen, haben Sie nicht eine, sondern zwei Parteien eingeschaltet: eine, die vermittelt und eine, die ausführt. Sie können sich vorstellen, wie sich das auf den Preis auswirkt, den Sie bezahlen müssen. Das Fatale an einer Agentur: sie verlangt vom Kunden den höchsten Preis, den der Markt ertragen kann. Dann sucht sie aus einer internen Liste einen für den Auftrag geeigneten Übersetzer/Lektor. Soweit so gut. Einziges Problem: die Agentur zahlt dieser Person nur soviel, daß sie den Auftrag überhaupt noch akzeptiert. Manchmal—nicht immer—reicht dies nicht dafür, daß der Übersetzer/Lektor sein Bestes gibt. Dann kommen folgende Überlegungen zur Geltung: Den Zeilenpreis, den Sie als Kunde an die Agentur bezahlen, müßte eingentlich dafür reichen, daß der Übersetzer/Lektor sein Bestes bringt, aber eben diesen Preis bekommt er nicht, sondern er bekommt nur einen Bruchteil davon, manchmal mehr, manchmal weniger, je nach dem, wie generös die Agentur ihre Preispolitik gestaltet. Natürlich ist diese Praxis legitim, sonst würde es keine Agenturen geben, denn als Kunde haben Sie mit einer namhaften Agentur eine gewiße Ganantie dafür, daß Sie tatsächlich das bekommen, wofür Sie bezahlen. Aber dieser Rückhalt geht mit einem Zwiespalt im Preis-Motivations-Verhältnis einher, der weder dem Interesse des Übersetzers noch dem des Kunden förderlich ist. Gewinner bei diesem Spiel ist auf jeden Fall die Agentur, die sich ihre Vermittlungsrolle gut hat bezahlen lassen. Zugegeben, nicht jede Agentur geht dabei bis an die Granze des Tolerablen, es gibt tatsächlich solche, die sich mit einem angemeßenen Anteil des Preises begnügen, sodaß die Motivation des Übersetzers/Lektors hoch bleibt, was eigentlich Sinn der Sache sein muß aus Sicht des Kunden. Aber wieviel ist angemessen? Unbestreitbar leistet die Agentur einen wertvollen Dienst, der auch bezahlt werden will: sie bringt den Kunden mit einem qualifizierten Übersetzer zusmmmen, und sorgt darüber hinaus dafür, daß gewiße Qualitätsmaßstäbe eingehalten werden, was die Leistung des Übersetzers angeht Aber auf eins können Sie sich verlassen: Sie können die Agentur Ihrer Wahl nicht direkt fragen, welcher Prozentsatz des Preises an den Übersetzer/Lektor weitergeleitet wird. Auf diese nicht unwichtige Frage bekommen Sie keine Antwort (und zwar aus naheliegenden Gründen des Betriebsgeheimmnisses). Daher mein Ratschlag: vermeiden Sie bei Übersetzungen/Korrekturarbeiten die Agenturen, es sei denn, daß Sie a) keinen geeigneten alleinschaffenden Übersetzer/Lektor finden können; b) die Qualitätssicherung durch eine Agentur für unabdingbar halten; und c) sehr tiefe Taschen haben. Und es gibt noch einen Gesichtspunkt: bei einer Agentur ist es sicher, daß Sie für die MWST (16%, ab 2007 19%) zur Kasse gebeten wird, denn auch eine kleine Agentur ist zu groß, um als „Kleinbetrieb“ im Sinne des MWST-Gesetzes zu gelten.
Und die Alternative? Sehr viele fähige Übersetzer sind Alleinschaffende, d.h. sie arbeiten in eigener Regie ohne preisverzerrende Vermittler. Sie sind hoch motiviert, denn Sie bekommen für Ihre Übersetzung/Korrekturarbeit den vollen Preis, was auch bedeutet, daß der Preis für den Kunden niedriger sein kann. Fairerweise muß man gestehen, um es nochmals zu sagen, daß eine Agentur durch ihren Namen einen gewißen Verbraucherschutz bietet. Deren Übersetzer/Lektoren sind zwar meist unterbezahlt im Vergleich zu ihren alleinschaffenden Kollegen, aber in der Regel sind sie erfahrene Profis, sonst würde eine Agentur sie nicht einstellen. Dazu kommt noch, daß eine Agentur die in ihren Namen gefertigte Übersetzung/Korrekturarbeit meist einer Kontrolle unterzieht, bevor sie an den Kunden zurückgeht. Damit ist eine gewiße Qualitätskontrolle eingebaut. Wenn der alleinschaffende Übersetzer eine Schwäche hat, so ist es dies (denn ich will hier offen sein): er muß seine Leistung im Alleingang erbringen. Da fehlt ihm manchmal die notwendige Distanz zu seinem Produkt, er kann noch so selbstkritisch arbeiten. Das kann man aber zum Teil ausgleichen, indem man die erste Fassung der Übersetzung—denn hier handelt es sich lediglich um Übersetzungen—für ein paar Tage zur Seite legt. Nach dieser Pause (je länger desto besser) kann der Übersetzer seinen Text fast mit den Augen eines Aussenstehenden sehen und ihn mit enstsprechenden Korrekturen qualitativ aufwerten. Mit der Erfahrung wächst diese Fähigkeit zur Selbstdistanz—auch ohne einen längeren „Time-Out“ (denn der Kunde wartet nicht ewig).
Um die Fäden zusammenzuführen, stellen wir die Frage: Warum ist die Motivation des Alleinschaffenden so hoch? Erstens, er ist besser bezahlt als sein Kollege bei der Agentur (obwohl paradoxerweise der Kunde selbst Geld spart). Zweitens, er weiß aus Erfahrung, daß ein zufriedener Kunde irgendwann wieder kommt, wenn vielleicht auch Jahre vergehen, bis es wieder soweit ist, daher hat der Alleinschaffende jeden Grund, seinem Kunden nicht zu enttäuschen. Diese hundertprozentige Motivation gibt es bei dem Agentur-Übersetzer/Lektor nicht, zumindest nicht in diesem Ausmaß, denn er wird aus einer internen Liste ausgewählt; kommt der Kunde wieder nach, sagen wir, zwei Jahren, dann ist es keineswegs sicher, daß er den gleichen Übersetzer/Lektor bekommt. Fazit: Wer freiberuflich schafft, achtet peinlich auf seinen Ruf; er hat jeden Grund, einmal erworbenes Vertrauen nicht zu verspielen. Darauf kann der Kunde bauen, vorausgesetzt nur, daß er den alleinschaffenden Übersetzer/Lektor mit wachem Auge gewählt hat. Denn es ist ja so: ein jeder kann sich als Übersetzer/Lektor ausgeben, eine allgemein anerkannte Qualifikation gibt es in diesem Beruf nicht. Darum hat der Kunde die Qual der Wahl: Agentur oder „Freelancer“. Qualitätssicherung bei geringerer Motivation und hohen Zeilenpreisen gegenüber der selbstkritischen Distanz eines gewißenhaften Freiberuflers, der in der Lage ist, dem Kunden güstigere Preise zu bieten (evtl. ohne MWST).
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